Kathrin Harms engagiert sich in der Freizeit  bei der Tafel

Lebensmittel verteilen statt vernichten

Kathrin Harms leitet in den Segeberger Wohn- und Werkstätten den Berufsbildungsbereich, und das an allen fünf Standorten, das heißt in Kaltenkirchen, Wahlstedt, Henstedt-Ulzburg, Rickling und Segeberg. Seit Anfang 2018 engagiert sie sich in der Segeberger Tafel. Die Tafel gibt Nahrungsmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist, die also nicht mehr in Supermärkten verkauft werden können, an Bedürftige aus. Diese Nahrungsmittel, aber auch andere abgelaufene Waren wie Waschmittel oder Hygieneprodukte werden von den Supermärkten gespendet.

Frau Harms, warum haben Sie sich entschieden, für die Tafel zu arbeiten?

Kathrin Harms: Am Neujahrstag 2018 ging ich spazieren und dachte darüber nach, was ich für mich persönlich verändern möchte. Mir war es dabei wichtig, etwas für andere Menschen zu tun, die normalen Neujahrsvorsätze wie mehr Sport und weniger Stress – das ist nicht meins. Da ich schon seit fast 20 Jahren Mitglied im Verein der Tafel war – übrigens für einen sehr überschaubaren Jahresbeitrag von 18 Euro – war der Schritt nicht weit, zu einem aktiven Mitglied zu werden. Wir leben in so einem reichen Land, bei uns werden gute Lebensmittel weggeworfen, obwohl Menschen in Armut leben – ich möchte einen ganz kleinen Beitrag leisten, dass es armen Menschen besser geht.

 

Hilfe ist da sicherlich immer willkommen. Welche Aufgaben übernehmen Sie denn?

Kathrin Harms: Die Tafel hat mittwochs und freitags mehrere Stunden geöffnet. Meine Aufgabe ist die Herausgabe der Spenden an die Kunden. Da ich direkt nach dem Dienst zur Tafel fahre, ist die Vormittagsarbeit schon beendet, die anderen Helfer haben schon fleißig die gespendeten Waren sortiert. Gemüse und Obst werden durchgeguckt und geputzt, Fleischwaren, auch verarbeitetes Fleisch, etwa in Würsten, wird danach sortiert, ob es Schweinefleisch enthält. Das ist für unsere muslimischen Kunden ja wichtig. Alles wird in Regalen im Laden und im Lager griffbereit aufgestellt. Da wir jede Woche unterschiedliche Ware bekommen, gibt es eine kurze Einführung, was wir dahaben. Schürze und Handschuhe an – los geht es. Die Kunden haben eine Nummer, werden einzeln vorgelassen und wir fragen am Tresen, was sie haben möchten.

 Kann man sich aussuchen, was man bekommt?

Kathrin Harms: Jeder hat ja einen anderen Bedarf. Alte Menschen mögen anderes als Familien mit Kindern. Kunden mit migrantischen Wurzeln möchten oft besonderes Gemüse, etwa Auberginen, oder auch Couscous, essen aber kein Schweinefleisch und auch keine Süßigkeiten, die mit Gelatine gemacht sind. Russischstämmige möchten oft Fleisch. Alkohol haben wir gar nicht im Angebot. Im Sommer gibt es auch Blumen, die gebe ich gern raus und sage, bringen Sie die Ihrer Frau mit.

Wenn so viele Menschen zu Ihnen kommen, wie schafft man da Gerechtigkeit bei der Ausgabe? Wer ist überhaupt bezugsberechtigt?

Kathrin Harms: Die Kunden müssen eine Karte, auf der die Personenzahl der Familie und die Anzahl der Kinder steht, und einen Nachweis vom Amt vorlegen, der sie als bedürftig ausweist. Leider gibt es sogar dafür schon eine Warteliste. Die Tafel in Segeberg und in der Zweigstelle Wahlstedt versorgt etwa 1000 Menschen. Familien bekommen mehr Ware als Einzelpersonen, das ist ja klar; bei Familien mit Kindern achte ich immer darauf, dass ein bisschen Süßigkeiten dabei sind.

Wie viele Menschen helfen aktiv mit?

Kathrin Harms: Es arbeiten bis zu 15 Helfer pro Ausgabetag mit. Insgesamt haben wir 110 Aktive, der Verein hat 730 Mitglieder. Der ganze Ablauf ist unheimlich gut organisiert. Sobald auch nur eine Kiste vorne leer geworden ist, stellen die Helfer schon neue Ware aus dem Lager bereit. Wenn man bedenkt, dass die meisten bereits im Rentenalter sind, ist das schon eine tolle Leistung, die jeder da erbringt. Auch mir als einer der jüngsten Helferinnen tun abends Arme und Rücken weh und ich bin richtig kaputt, denn wir müssen uns viel bücken und machen etwa sechs Kilometer auf vielen kleinen Wegen zwischen Theke und Regalen. Wichtig ist uns übrigens, Müll zu vermeiden. Früher haben wir dünne Plastiktüten für das Gemüse benutzt, jetzt fordern wir unsere Kunden auf, eigene Stoffbeutel mitzubringen. Und Eierkartons sollen auch wieder mitgebracht werden.

Wie erleben Sie die Kunden?

Kathrin Harms: In erster Linie erlebe ich große Dankbarkeit bei den Menschen und ganz viel Geduld beim Anstehen. Übrigens haben wir auch Beschäftigte der Segeberger Wohn- und Werkstätten unter unseren Kunden. Die freuen sich immer sehr, wenn sie mich sehen und die kriegen dann auch immer was Besonderes dazu.