Psychiatrisches Krankenhaus in der Pandemie: Ambulante Kapazitäten stark ausgebaut

(18.11.2020) Überbelastung bei bislang nicht psychisch erkrankten Menschen, Rückfälle in der Rehabilitation - und Stärkung des Teamworks zwischen Patienten und Behandlern: Chefarzt Nikolas Kahlke gibt Einblicke in den Alltag im Psychiatrischen Krankenhaus in Zeiten der Corona-Pandemie.

Die Corona-Pandemie hat nicht nur das öffentliche Leben im Jahr 2020 beeinträchtigt, die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind auch im Sozial- und Gesundheitswesen massiv spürbar. Das Psychiatrische Krankenhaus Rickling hat sich frühzeitig auf veränderte Unterstützungsbedarfe eingestellt, um den Belastungen durch die Pandemie zu begegnen: „Corona bedeutet eine anhaltende psychosoziale Stresssituation, zumal Hilfsangebote für psychische und soziale Belastungen nicht mehr so gut erreichbar sind wie vor dem Ausbruch der Pandemie“, berichtet Dr. Nikolas Kahlke, Leitender Chefarzt des Psychiatrischen Krankenhauses Rickling. Als häufigste Reaktion seien Angst und Verunsicherung zu beobachten, diese Effekte schwächen die körperliche und seelische Gesundheit.

Verbesserte Zusammenarbeit zwischen Patient und Behandler

Erfreulich ist nach Einschätzung des Chefarztes in der Rückschau, dass die Akzeptanz für die Hygienemaßnahmen und die damit verbundenen Restriktionen generell sehr groß war. „Corona hat nach unserer Beobachtung zu einem noch stärkeren Zusammenhalt und in vielen Fällen zu einer verbesserten Zusammenarbeit zwischen Patient und Behandler geführt und zu einer stärkeren Wertschätzung des gegenseitigen Einsatzes“, berichtet Dr. Kahlke.

In den vergangenen Monaten haben die Mitarbeiter*innen des Psychiatrischen Krankenhauses vielfältige Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die unterschiedlichen Zielgruppen beobachtet, welche Unterstützung in Anspruch nehmen. Bei chronisch erkrankten Menschen ist eine Verschärfung der Situation zu befürchten durch soziale Isolation, finanzielle Not infolge von Kurzarbeit oder Jobverlust, Einschränkung von sozialen Kontakten sowie des Bewegungsspielraums: „Wir haben zudem deutliche Hinweise, dass Corona auch bei bisher psychisch nicht erkrankten Menschen zu Überbelastungen führt. Es handelt sich also um Personen, die sich vor dem bundesweiten Lockdown in stabilen persönlichen und beruflichen Verhältnissen befunden haben“, so Dr. Kahlke.

Unbemerkte Belastungen im Lockdown

Auffällig ist zudem, dass insbesondere der Unterstützungsbedarf bei Suchterkrankungen in den vergangenen Monaten stark zugenommen hat. Viele Betroffene sind in der Lockdown-Phase „unbemerkt“ geblieben. Durch die Lockerungen im öffentlichen Leben steigt inzwischen der soziale Druck, sich behandeln zu lassen, aber wieder an. Hier sind allerdings durch die Monate, in denen die Betroffenen keine Unterstützung in Anspruch genommen haben, Folgeschädigungen zu befürchten. Außerdem ist vereinzelt zu beobachten, dass KlientInnen durch die Corona-Pandemie in ihrer Rehabilitation zurückgeworfen wurden, beispielsweise bei Angsterkrankungen, bei denen die Corona-Pandemie zusätzliche Zukunftsängste ausgelöst hat. 

Überraschend war aus Sicht von Dr. Nikolas Kahlke, Leitender Chefarzt Psychiatrisches Krankenhaus Rickling, die Entwicklung der Belegung in der Gerontopsychiatrie: „Wir hatten die Vermutung, dass viele Patienten aus Angst vor einer Corona-Infektion zuhause bleiben würden. Tatsächlich war in der Gerontopsychiatrie eine gestiegene Nachfrage zu beobachten, die sicherlich weiter anhalten wird. Hierbei werden sicherlich die erheblich gestiegenen Belastungen der stationären Altenhilfe eine Rolle spielen, aber auch die verminderte soziale Unterstützung.“ Auf diese Bedarfe hat das Krankenhaus reagiert und die ambulanten Kapazitäten stark ausgebaut.