Digitale Teilhabe: Wenn die Großmutter per Livestream beim Hausbau dabei ist

Bereits im Frühjahr 2020 wurden die Altenpflegeheime im Landesverein mit Tablets ausgestattet, nachdem die Mitarbeiter*innen mit den Kontaktbeschränkungen infolge der Corona-Pandemie konfrontiert wurden.

Montag um 12.30 Uhr im Ansgarstift in Neumünster: Elfriede Schink sitzt vor einem silberfarbenen Bildschirm, nicht größer und flacher als ein Brotschneidebrett. Ein Klingelton ist zu hören, ein Telefonsymbol zu sehen. Die 90-Jährige lächelt. Das Symbol verschwindet, stattdessen erscheint ihr Enkel auf dem Bildschirm. Der 30-Jährige arbeitet rund 500 Kilometer von Neumünster entfernt. Dennoch bleiben die beiden in Kontakt – der wöchentliche Termin am Montagmittag ist ein festes Ritual für Elfriede Schink, die in Bayern geboren wurde und seit Februar 2020 im Ansgarstift in Neumünster lebt.

Viel besser als ein Telefonat

Die fröhliche Seniorin hat mit den neuen Medien keine Berührungsängste: „Die Oma hat immer alles mitgemacht. Und natürlich interessiert es mich immer noch, was die jungen Leute machen“, berichtet Elfriede Schink. Sie nutzt seit nunmehr vier Monaten einmal pro Woche die Möglichkeit im Ansgarstift, mit einem Tablet-Computer ihren Enkel zu sehen und zu hören. Das Gerät wurde dafür mit einer Messenger-App ausgestattet. Die Bewohner*innen des Ansgarstifts können Zeitfenster von fünfzehn Minuten „buchen“, ihre Angehörigen können eine eigens dafür freigeschaltete Handynummer anwählen – und werden dann „live“ in das Seniorenheim im Herzen von Neumünster gestreamt: „Mir gefällt es viel mehr als ein Telefonat. Ich kann meinen Enkel sehen und ich kann sogar sehen, wo er gerade ist“, freut sich Elfriede Schink und lobt die gute Bild- und Tonqualität sowie den Einsatz der Pflegekräfte im Ansgarstift, die sich in Corona-Zeiten besonders dafür eingesetzt haben, dass die Bewohner*innen mit ihren Angehörigen in Kontakt bleiben.

Neumodischer Kram? Weit gefehlt!

Als die Pflegekräfte des Ansgarstifts ihr zum ersten Mal das „Tablet“ auf den Tisch stellten, war Elfriede Schink sofort begeistert. Angst vor der Technik? Skepsis über den „neumodischen Kram“? Weit gefehlt: „Das ist ein neues Gerät, das will ich mal ausprobieren“, hat sich Elfriede Schink gedacht und ganz aufgeregt verfolgt, was auf dem Bildschirm passiert. So konnte sie nicht nur mit ihrem Enkel sprechen, sondern auch mit dessen Angehörigen. Und sie kann nicht nur den lieb gewonnenen Menschen auf der anderen Seite sehen, sondern auch den Ort, an dem er sich gerade befindet – und sie kann aus der Ferne an seinem Alltag teilhaben. So sah Elfriede Schink über die Distanz beispielweise Umzugskartons, als sie mit ihrem Enkel sprach. Und kurz darauf war sie nicht nur beim Umzug, sondern auf der Baustelle „live“ dabei, als die Maler gerade im künftige Wohnhauses ihres Enkels aktiv waren: „Er hat mir dann gezeigt, wo die Fenster hinkommen. Da wollte ich direkt wissen, welche Gardinen dort hängen sollen“, sagt Elfriede Schink und schmunzelt.

Frühe Antwort auf den bevorstehenden Lockdown

Im Frühjahr 2020 wurden für alle Altenpflegeheime im Landesverein Tablets bestellt und durch die EDV-Abteilung eingerichtet, nachdem die Mitarbeiter*innen mit den Kontaktbeschränkungen infolge der Corona-Pandemie konfrontiert wurden: „In einer Telefonkonferenz haben wir darüber gesprochen, was wir wegen des zu erwartenden Lockdowns für unsere Bewohner tun könnten“, erinnert sich Boris Brockmann, Einrichtungsleiter des Ansgarstifts. Kurzerhand stellte die EDV-Abteilung des Landesvereins das Endgerät samt SIM-Karte zur Verfügung. Und kurz darauf riefen die ersten Verwandten an. Drei Bewohner*innen nutzen das Angebot wöchentlich, dazu kommen spontane Anrufe. „Durch den Sommer und die Corona-Lockerungen gab es natürlich viele Alternativen, aber ich nehme an, dass durch die kältere Jahreszeit und den neuerlichen Lockdown die Nachfrage zunimmt“, vermutet Boris Brockmann.

Ohne Maske miteinander sprechen

Vor allem in der Weihnachtszeit ist das Tablet eine wertvolle Möglichkeit, die Großeltern über Umwege ins eigene Wohnzimmer mitzunehmen, wenn sie denn nicht persönlich vor Ort sein können. Zudem ermöglicht die audiovisuelle Fernkommunikation viele Freiheiten, welche es in Corona-Zeiten bei Besuchen vor Ort in Seniorenheimen derzeit nicht gibt: Die Bewohner und ihre Angehörigen können ohne Maske miteinander sprechen und es können mehr als zwei Personen an dem Gespräch teilnehmen.

Digitale Teilhabe - mit geringen Hürden

Die Tablet-Telefonie im Ansgarstift ist ein unkompliziertes Beispiel, wie digitale Teilhabe gelingen kann – dieses sozialpolitische Ziel ist seit Jahren brandaktuell. So wird seit 2008 in Artikel 9 der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) auf das Recht auf digitale Teilhabe für alle Menschen verwiesen. Die Grundsätze der UN-BRK wurden im Dezember 2016 durch das Bundesteilhabegesetz in deutsches Recht überführt.

Allerdings ist beim Einsatz der modernen Technik die liebevolle Unterstützung und das Engagement der Pflegekräfte unverzichtbar: „Wir stellen das Tablet bereit, nehmen das Gespräch an, gucken dass der Bewohner richtig sitzt. Dann ziehen wir uns aber zurück, es sei denn, die Bewohner möchten uns dabei haben“, erklärt Boris Brockmann. Auch wenn moderne Tablet-Computer heutzutage auf den ersten Blick unkompliziert gestaltet sind, ist eine vollständige Barrierefreiheit dennoch nicht gegeben: „Es kommt durchaus vor, dass beispielsweise Menschen mit leichter bis mittelschwerer Demenz zuerst hinters Tablet gucken“, hat Boris Brockmann beobachtet.

Boris Brockmann und seine Kolleg*innen möchten das Tablett auch über die Corona-Pandemie hinaus als festes Angebot etablieren. Damit reagieren sie auch auf die familiäre Situation vieler Bewohner*innen. Die meisten Angehörigen sind beruflich stark eingebunden und haben meist erst am Abend etwas Zeit – dann gehen die Senioren jedoch üblicherweise ins Bett. Zudem sind viele Familien inzwischen weit über das gesamte Bundesgebiet verbreitet, so auch die Angehörigen von Elfriede Schink, die unter anderem in Frankfurt und Bonn wohnen.