Kerstin Scheinert: Gesamtwerkstatträtin der Segeberger Werkstätten

Von der Behütung zur Selbstbestimmung

Seit 2004 nutzt Kerstin Scheinert die Angebote der Segeberger Wohn- und Werkstätten, Werkstatt Henstedt-Ulzburg. Sie war 19, hatte das Abitur gemacht und eine Banklehre vor sich, als ein Reitunfall ihrem Leben eine komplett andere Wendung gab. Sie erlitt ein schweres Schädelhirntrauma mit anschließender Halbseitenlähmung, ist seitdem auf einem Auge blind und auf den Rollstuhl angewiesen. Heute ist Frau Scheinert weit davon entfernt, mit ihrem Schicksal zu hadern. »Wichtig ist mein gutes soziales Umfeld, meine Eltern, Freunde. Isolation war für mich nie eine Option. Ich will so aktiv sein wie möglich!« Im Rahmen der Segeberger Wohn- und Werkstätten hat sie ihren Weg gefunden, als Vorsitzende des Gesamtwerkstattrates, die sich auch auf Landesebene in diesem Bereich engagiert.

»Ich bin da so reingerutscht«, wiegelt Kerstin Scheinert auf die Frage ab, was sie bewegt hat, sich im Werkstattrat zu engagieren. Doch im Verlauf des Gespräches wird ihr großes Engagement deutlich. Ihr gehe es vor allem darum, Augenhöhe herzustellen und damit den Inklusionsgedanken auch auf der Ebene umzusetzen.

Seit 2010 gibt es den Werkstattrat, der die Aufgabe hat, die Interessen der beschäftigten Klienten in den Werkstätten der SeWoWe zu vertreten und beratend tätig zu sein. Dabei hat jeder Standort der Einrichtung der Behindertenhilfe einen eigenen Werkstattrat: Wahlstedt, Kaltenkirchen, Henstedt-Ulzburg, Bad Segeberg und Rickling.

»Ich kann gut reden und vertreten, was ich will«, begründet Kerstin Scheinert ihr Engagement, das sie nach anfänglichem Zögern und mit Unterstützung der damaligen Vertrauensperson Ulrike Henning ergriff.

»Bewegt hat mich unter anderem die Werkstatt selbst bzw. die Möglichkeit, die sie für psychisch behinderte Menschen bietet. Arbeit ist für jeden Menschen sehr wichtig! Auch für diejenigen, die aufgrund ihrer Erkrankung keine Arbeit auf dem ersten Arbeitsmarkt verrichten können. Auch sie brauchen einen geregelten Tagesablauf, wollen etwas tun, sozialen Kontakt zu Kollegen haben. Mich selbst hat die Werkstatt total nach vorn gebracht. Nach dem Unfall hatte ich zunächst noch viel mehr Einschränkungen, war zittrig, meine Motorik war noch eingeschränkter, das Sprechen fiel mir sehr schwer. Durch die Arbeit hier und die Unterstützung, die ich dabei erfuhr, habe ich immer mehr Fähigkeiten zurückgewonnen. Diese positive Erfahrung war es auch, die mich bestärkt hat, die Aufgabe einer Werkstatträtin zu übernehmen.«

Mittlerweile ist sie auch in der Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstatträte in Schleswig-Holstein (LAG) aktiv, gemeinsam mit ihrem Wahlstedter Kollegen Thies Teegen. Schon nach kurzer Zeit wurde sie dort Zweite Vorsitzende. Die LAG ist vor allem auf politischer Ebene beratend tätig, war z. B. beteiligt an der Ausarbeitung der Rahmenbedingungen für die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes. 

»Und dann ist es der Paradigmen-Wechsel, der sich nicht zuletzt aufgrund der gesetzlichen Vorgaben seit einigen Jahren vollzieht und der mich in meiner Arbeit bewegt. Überspitzt gesagt galten früher die Menschen in den Werkstätten als die unselbständigen Beschäftigten, die behütet werden mussten. Jetzt sagen die Beschäftigten selbst, was für sie gut ist. So allmählich kommt das in der Gesellschaft an, die Akzeptanz insgesamt wird größer.« Allerdings bedauert die Werkstatträtin, dass auf dem ersten Arbeitsmarkt die Skepsis in der Regel noch groß ist, und begrüßt in dem Zusammenhang die Außenarbeitsgruppen der Werkstätten, die in externen Firmen tätig sind. »Hier ist die Akzeptanz über die Jahre deutlich gewachsen.« 

In ihrer politischen Arbeit sieht Frau Scheinert ihren Schwerpunkt – freut sich aber auch über Möglichkeiten, ganz direkt vor Ort etwas zu bewegen. Sie nennt als ein Beispiel den HVV-Bus, der zunächst zwar von Montag bis Donnerstag direkt vor der Werkstatt in Henstedt-Ulzburg hielt, nicht aber am Freitag. An dem Tag mussten die Beschäftigten einen langen Weg bis zur AKN-Bahnstation zurücklegen, was vielen aufgrund von Gehbehinderungen schwerfiel. In ihrer Funktion als Werkstatträtin wandte sich Kerstin Scheinert an die Stadt und konnte tatsächlich erwirken, dass künftig der Bus auch am Freitag fuhr.

»Gesellschaftliche Akzeptanz hängt immer auch von der eigenen Einstellung ab – und da können wir eine Menge bewegen!«