Interview mit Claas-Hinrich Lammers und Gunnar Eismann zum Thema "Narzissmus"

Dr. med. Gunnar Eismann, Chefarzt der Klinik für Allgemeinpsychiatrie und Psychotherapie am Psychiatrischen Krankenhaus Rickling, im Interview mit dem BELTZ Verlag, gemeinsam mit Claas-Hinrich Lammers, ärztlicher Direktor der psychiatrischen Kliniken und Chefarzt der I. Klinik für Affektive Erkrankungen sowie der psychosomatischen Tagesklinik Walddörfer in der Asklepios Klinik Nord in Ochsenzoll.

Psychotherapie.tools: “Herr Lammers, Herr Eismann, erinnern Sie sich an Ihre ersten Erfahrungen in der Therapie mit narzisstischen Patient*innen? Gab es Fehler, aus denen Sie gelernt haben?”

Claas-Hinrich Lammers: “Fehler hat es natürlich gegeben, insbesondere bei der Gestaltung der Beziehung. Am Anfang war ich viel zu konfrontativ, weshalb mir insbesondere die komplementäre Beziehungsgestaltung geholfen hat, einen tragfähigeren Kontakt zu narzisstischen Patient:innen aufzubauen.”

Gunnar Eismann: “Angesichts der problematischen und interaktionell durchaus manchmal herausfordernden Verhaltensweisen narzisstischer Patient*innen war es für mich anfangs nicht immer leicht, diese als Teil der narzisstischen Kompensation sehen zu können. Indem ich mir in entsprechenden Situationen bewusst mache, dass Arroganz, Besserwisserei oder abwertende Kritik solcher Patient*innen dazu dienen, sehr belastende Emotionen wie Scham oder Minderwertigkeit zu bekämpfen, fällt es mir inzwischen viel leichter, mir auch in herausfordernden Situationen immer wieder den verletzlichen bzw. vulnerablen Kern hinter der harten narzisstischen Schale vor Augen zu führen.”

 

Psychotherapie.tools: “Viele Ihrer Kolleg*innen empfinden die Arbeit mit narzisstischen Patient*innen als schwierig. Können Sie das nachvollziehen?”

Gunnar Eismann: “Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Die psychotherapeutische Arbeit erfordert den Aufbau einer vertrauensvollen therapeutischen Beziehung, die es dem/der Patient*in erlaubt, sich hinsichtlich persönlicher Probleme zu öffnen. Narzisstische Patient*innen reagieren jedoch manchmal geradezu allergisch auf ein solches therapeutisches Beziehungsangebot, da dieses bei ihnen unter anderem starke Schamgefühle auslöst. Sie verhalten sich dann abweisend, arrogant, übermäßig kritisch oder werten die Therapie ab, um sich vor dem Erleben von Scham, Minderwertigkeit oder Hilflosigkeit zu schützen.”

Claas-Hinrich Lammers: “Auf jeden Fall! Gerade in der Interaktion stellen narzisstische Patient*innen uns vor große Herausforderungen, deutlich mehr als andere Patient*innen. Insbesondere da man von den Patient*innen offen oder verdeckt in Frage gestellt wird. Damit muss man sich erst einmal einen hilfreichen Umgang erarbeiten. Und die Patient*innen stellen eine große Herausforderung an die Gestaltung der therapeutischen Beziehung, die man erst einmal meistern muss, um gemeinsam in einen Arbeitsmodus zu kommen.”

 

Psychotherapie.tools: “In Ihrem Buch schreiben Sie, dass in der Persönlichkeitsstruktur narzisstischer Patient*innen eine gewisse Tragik liegt. Was meinen Sie damit?”

Claas-Hinrich Lammers: “Nun ja, die Patient*innen wollen eigentlich gemocht und akzeptiert werden. Doch da sie nie gelernt haben, wie sie einen Kontakt herstellen können, der ihnen diese Erfahrung vermittelt, suchen sie sich über Ruhm, Leistung, Dominanz etc. gewissermaßen eine Ersatzbefriedigung für ihr frustriertes Bindungsbedürfnis. So aber verhindern sie, dass sie wirklich akzeptiert, gemocht und geliebt werden. Eigentlich kommen die Patient*innen nie dort an, wo sie eigentlich hinwollen.”

Gunnar Eismann: “Die Tragik grandios narzisstischer Patient*innen besteht unter anderem darin, dass es diesen oftmals sehr gut gelingt, eine Vielzahl oberflächlicher Bekanntschaften zu unterhalten, während es ihnen kaum möglich ist, echte Nähe zuzulassen. So sind sie, umgeben von Bekannten, letztendlich doch sehr isoliert und einsam. Auch sind sie in ihrem Berufsleben und Freizeitaktivitäten oft sehr aktiv und leistungsbereit, ohne jedoch ein echtes Interesse an irgendetwas zu finden. Auf diese Weise leiden Sie trotz eines scheinbar ausgefüllten Lebens unter einer chronischen inneren Leere.”

 

Das ganze Interview finden Sie auf PSYCHOTHERAPIE.TOOLS

Psychiatrisches Krankenhaus Rickling
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